SRF - Literaturclub

Filmreife Bücher

74 Min.

Jennifer Khakshouri, Samira El Ouassil, Philipp Tingler und – als Gast – der frühere SRF-Moderator Reto Lipp diskutieren über «In die Schweiz» von Emma Cline, «Freunde von früher» von Micha Lewinsky, «Musik für einen Soldaten» von Artem Tschech sowie «Die Lücken» von Shida Bazyar. Die US-amerikanische Schriftstellerin Emma Cline wurde mit ihrem Debütroman «The Girls» international bekannt. Sie schreibt über Macht, Abhängigkeit und die oft dunklen Dynamiken zwischen Menschen. Ihr aktuelles Buch «In die Schweiz» folgt einem demenzkranken Mann auf dem Weg zum begleiteten Sterben. Es lebt von fragmentarisch-assoziativen Gedanken auf dieser Abschiedsreise. Micha Lewinskys Roman «Freunde von früher» kreist unterhaltsam um die Frage: Was bleibt von den Überzeugungen der Jugend übrig, wenn man über fünfzig ist? Eine ehemalige Zürcher Wohngemeinschaft kann dreissig Jahre später das Haus kaufen, in dem sie früher zusammenlebte. Menschen, die sich einmal als alternativ und kapitalismuskritisch verstanden, müssen über Eigenkapital, Besitz und Rendite nachdenken. Was macht der Krieg aus einem Schriftsteller, der zum Soldaten wird? Artem Tschech trat nach Beginn des russischen Angriffskriegs in die ukrainische Armee ein. Er beschreibt den Menschen innerhalb der militärischen Maschine. Es geht um die Konfrontation mit Angst, Tod und Abstumpfung, um Kameradschaft und die Ambivalenzen des Soldatenlebens. Sein neues Buch «Musik für einen Soldaten» zeigt, wie die Musik für ihn zum seelischen Schutzraum innerhalb des Krieges wird. Was bleibt von einer Vergangenheit, über die niemand sprechen will? Shida Bazyars neuer Roman «Die Lücken» führt in ein fiktives deutsches Dorf. In seinen Häusern und den Familiengeschichten ist fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte gespeichert. Bazyars Dorf-Saga macht sichtbar, wo die Geschichtsschreibung Leerstellen hinterlässt und wo das Verdrängte noch die Gegenwart bestimmt. Der Roman gilt als aussichtsreicher Anwärter auf den deutschen Buchpreis. Die Bücher der Sendung sind: Emma Cline: «In die Schweiz» (Rowohlt) Micha Lewinsky: «Freunde von früher» (Diogenes) Artem Tschech: «Musik für einen Soldaten» (Klett-Cotta) Shida Bazyar: «Die Lücken» (Kiepenheuer & Witsch)

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Lesen mit Ricardo Cabanas

Laura de Weck, Nina Kunz, Thomas Strässle und – als Gast – der frühere Fussball-Nationalspieler Ricardo Cabanas diskutieren über sechs Romane. Mit ihren Romanen «Windstärke 17» und «22 Bahnen» hat die deutsche Autorin Caroline Wahl ein Millionenpublikum erreicht. Auch an ihr neues Buch «1999 Meter über dem Meer» heften sich hohe Erwartungen. Im Zentrum steht darin eine junge Frau, die einem ernüchternden Berliner Berufsleben im Auto ins exklusive St. Moritz entflieht und zunehmend zur Hochstaplerin wird. Warum bereitet der Fussball so viel Freude? Der berühmte Soziologe Norbert Elias hat in einem Essay beschrieben, warum dieser Sport mehr ist als Unterhaltung. An ihm lässt sich im Kleinen beobachten, was Elias als «Prozess der Zivilisation» beschrieben hat. Fussball funktioniert durch seine Spannungsbalance: Körperliche Gewalt wird durch Regeln eingeschränkt. Gleichzeitig bleibt genügend Unsicherheit, Konflikt und Emotionalität. Wie wäre es, in einer anderen Zeit zu leben? Szczepan Twardochs «Sehnsucht» erzählt von einem Mann, dessen Leben sich in immer neue mögliche Biografien auffächert. Zwischen Abenteuerroman, historischer Erzählung und Metafiktion beschreibt Twardoch, wie sehr Herkunft und Geschichte über den Einzelnen bestimmen. Erwin Piontek, der im früheren Leben ein schlesischer Bergmann war, findet sich am Ende in einem dystopisch zugespitzten Polen des Jahres 2031. Ihr Erstling «Bild ohne Mädchen» hat Sarah Elena Müller als Schweizer Schriftstellerin etabliert. Mit «Unwucht» erscheint nun ihr zweiter Roman. Darin beschreibt sie mit grosser Fabulierlust eine giftige Beziehung zu einem drogensüchtigen Mann – und die Unmöglichkeit, dieser zu entkommen. In Zeitsprüngen erzählt sie von den sieben Jahren, in denen ihre Hauptfigur Alice von dieser «Unwucht» geprägt war. Die chinesische Autorin Fang Fang wurde bekannt durch ihr «Wuhan Diary»: Als das Corona-Virus in Wuhan ausbrach, veröffentlichte sie ihr Tagebuch über das Leid der Kranken und die Trauer der Angehörigen. Seither darf sie in China nicht mehr publizieren. Nun erzählt sie existenziell und dennoch leichtfüssig von einer Hausfrau, die sich abrackert und gleichzeitig von ihrer Familie verachtet wird: «Jetzt geh ich los und bring mich um». Die Bücher der Sendung sind: Caroline Wahl: «1999 Meter über dem Meer» (Rowohlt) Norbert Elias: «Der Fussball-Sport im Prozess der Zivilisation» (Suhrkamp) Szczepan Twardoch: «Sehnsucht» (Rowohlt Berlin) Sarah Elena Müller: «Unwucht» (Limmat) Fang Fang: «Jetzt geh ich los und bring mich um» (Hoffmann und Campe)

Lieblose Mütter und wortkarge Männer kostenlos streamen | dailyme

Lieblose Mütter und wortkarge Männer

Jennifer Khakshouri, Adriana Altaras, Philipp Tingler und – als Gast – der Literaturwissenschaftler und Kulturvermittler Rico Valär diskutieren über «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter» von Lukas Bärfuss, «Was nicht gesagt werden kann» von David Szalay, «Erzähl mir alles» von Elizabeth Strout sowie «Tamangur» von Leta Semadeni. Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss geht mit seinem autobiografischen Buch «Königin der Nacht» dahin, wo es schmerzt: Zu seiner Mutter, die ihn einen «Betriebsunfall» nannte, keine Liebe zeigte und alles andere als fürsorglich war. Der Büchner-Preisträger Bärfuss beschreibt, wie die Literatur ihn gerettet hat - und hinterfragt zugleich den Muttermythos in der Gesellschaft. Der Roman «Was nicht gesagt werden kann» gehört zu den bemerkenswertesten Neuerscheinungen des letzten Jahres. Er erzählt das Leben eines Mannes, der in einer ungarischen Plattenbausiedlung aufwächst und in die englische High Society aufsteigt. In kargen Dialogen und fragmentarischen Episoden beschreibt er eine Figur, unter deren Coolness unverarbeitete Traumata liegen. Pulitzerpreisträgerin Elizabeth Strout erschafft seit vielen Jahren in ihren Romanen einen Kosmos. Darin beschreibt sie das Lebensgefühl und die politische Stimmung an der nordamerikanischen Ostküste. Ihre Figuren sind liebenswert, wenn auch nicht immer sympathisch. In «Erzähl mir alles» begegnen sich die Hauptfiguren aus verschiedenen vergangenen Romanen. Leta Semadeni ist eng mit dem Engadin verbunden und schreibt Lyrik und Prosa, auf Deutsch und auf Rätoromanisch. Für ihr Lebenswerk wurde sie mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet. Der Roman «Tamangur» wurde neu aufgelegt. Er handelt vom Leben eines Kindes, seiner Grossmutter und der schmerzvollen Abwesenheit des Grossvaters in einem abgelegenen Bergdorf.

Romanhelden mit ADHS und ein Booktok-Hit kostenlos streamen | dailyme

Romanhelden mit ADHS und ein Booktok-Hit

Laura de Weck, Lukas Bärfuss, Samira El Ouassil und Wolfgang M. Schmitt sprechen über: Michel Houellebecq, «Sie wollen uns erzählen» von Birgit Birnbacher, «Ich, die ich Männer nicht kannte» von Jacqueline Harpman, «Der Beweis meiner Unschuld» von Jonathan Coe sowie «Schleifen» von Elias Hirschl. Der französische Skandalschriftsteller Michel Houellebecq hat ein Chanson-Album aufgenommen: «Souvenez-vous de l’ homme». Während er in den Texten den Untergang der Menschheit thematisiert, klingt das musikalisch gut gelaunt und entspannt. Konsequent für den Provokateur, der den Untergang der westlichen Zivilisation seit Langem herbeischreibt. Alle sprechen über ADHS und die steigende Zahl der Diagnosen. Birgit Birnbacher hat mit «Sie wollen uns erzählen» einen Roman geschrieben, in dem ein Junge und seine Mutter an ADHS leiden. Darin hat sie eine Sprache gefunden, um das spezifische Gefühl der kognitiven Überforderung darzustellen: ein Roadtrip von Figuren mit knisternden Nerven. Der Roman «Ich, die ich Männer nicht kannte» wurde auf der Plattform Tiktok gefeiert. Dadurch wurde die belgische Autorin Jacqueline Harpman wiederentdeckt. Ihr dystopischer Text, nun ins Deutsche übersetzt, wird auch vom Feuilleton gefeiert. Er erzählt von Frauen, die unter Tage gefangen gehalten werden, und stellt existenzielle Fragen, vor allem jene: Was macht uns zu Menschen? Der englische Schriftsteller Jonathan Coe ist berühmt für seine satirischen Gesellschaftsromane wie «Middle England». Sein neuestes Werk «Der Beweis meiner Unschuld» handelt vom Einfluss der neokonservativen Netzwerke seit den 1980er-Jahren. Neben der Krimihandlung spielt Coe auf unterhaltsame Weise mit verschiedenen literarischen Genres. Elias Hirschl ist Musiker, Poetry-Slammer und macht bereits mit seinem dritten literarischen Werk auf sich aufmerksam: Im hochgelobten Roman «Schleifen» erzählt er erfindungsreich vom Einfluss der Sprache auf das Leben. Im Zentrum steht Wissenschaftlerin Franziska Denk, sie an einem bemerkenswerten Symptom leidet: Wenn sie von einer Krankheit hört oder liest, erkrankt sie daran.


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